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Aktueller Absturz, Allgemein, BFU, DAeC, DULV, Fragen, Schlamperei, Ultraleichtflugzeug

Anfrage bzgl. der Zustände im Ultraleichtflug-Bereich

11.25.11 | Comment?

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Herr Dr. Peter Ramsauer
Invalidenstraße 44

10115 Berlin

07.11.2011

Sehr geehrter Herr Minister Dr. Ramsauer,

ich erlaube mir, Sie auf Missstände in Ihrem Ressort aufmerksam zu machen, welche die Beleihung der Flugverbände mit der Zulassung von Luftsportgeräten sowie die Arbeit der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung betreffen.

Wie Ihnen bekannt ist, hat Ihr Ministerium gerade wieder erneut die Kompetenz für die Zulassung und Prüfung von Flugzeugen der Ultraleicht-Klasse (UL) den Flugverbänden DULV und DAeC übertragen. Die daran u.a. im Ausland vehement erhobene Kritik, etwa durch das Schweizer Büro für Flugunfalluntersuchung, wurde bislang nicht zum Anlass für Änderungen genommen.

Es ist seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass fast alle in Deutschland als UL zugelassenen Luftsportgeräte (Dreiachser) die maximal zulässige Leermasse von 297,5 kg konstruktionsbedingt überschreiten, mithin nicht zulassungsfähig sind. Da ein gesetzmäßiges Handeln zu einer massenhaften Entwertung der derzeit zugelassenen UL-Flugzeuge führen und z. B. den Deutschen Ultraleichtflugverband e.V. in dessen Existenz gefährden würde, behilft sich die Branche seit langem, in dem man einfach die obligatorischen Wägeberichte falschbeurkundet. In Anlage übersende ich zur Illustration einen rechtskräftigen Strafbefehl wegen Falschbeurkundung im Amt bzgl. des Prüfers Herrn XXXXX XXXXX, der erstaunlicherweise für den Verband – wie für das Luftfahrtbundesamt (LBA) – weiter prüfen darf und sogar am XXXXX.2010 mit der „Goldenen Plakette des DAeC“ ausgezeichnet wurde. Besagter Prüfer tut nämlich genau das, was offenbar xxxxx entsprechenden Prüfer tun: Er beurkundet Leergewichte falsch, offensichtlich um die vorangegangenen Falschzulassungen der Verbände zu verdecken.

Selbst privat beauftragte Gutachter weigern sich, korrekte Wägeberichte auszustellen, weil sie die Reaktion der sehr überschaubaren Fliegerszene fürchten. Aufgrund von „Regiefehlern“ liegen auch etliche einander widersprechende Wägeberichte für ein und dasselbe Flugzeug vor.

Die Falschbeurkundungen verunmöglichen den Piloten eine notwendige Flugvorbereitung, da sie das ihnen unterschlagene Mehrgewicht nicht kennen. Aus dem regelmäßigen Überschreiten der maximalen Abflugmasse folgt auch, dass die in den Papieren angegebene Mindestfluggeschwindigkeit gar nicht erreicht werden kann, da es bei Drosselung der Reisegeschwindigkeit vorher zu einem Strömungsabriss käme.

Die auf die falsch beurkundeten Wägeberichte vertrauenden Piloten geraten oft überraschend in eine unzulässige Schwerpunktlage, die auch für Kunstflugpiloten nicht mehr beherrschbar wäre. Etliche deutsche UL-Piloten fanden auf diese Weise in den letzten Jahren den Tod, was stets als „Pilotenfehler“ abgetan wird. Die weltweiten Unfallzahlen bei UL-Flugzeugen, die aufgrund der deutschen Falschzulassungen in Verkehr gebracht wurden, sind besorgniserregend.

Wie die Erfahrung zeigt, verzichten die UL-Piloten häufig auf das Auslösen der Gesamtrettungsgeräte, da diese nur unter optimalen Bedingungen Hilfe versprechen und wegen der Bremswirkung des Fallschirms und der automatischen Notabschaltung des Motors andere Optionen wie Notlandungen etc. ausschließen. Abgesehen von Benzinmangel sind hierzulande keine Zwischenfälle bekannt, in denen jemals die Gesamtrettung zielführend ausgelöst wurde. Dessen ungeachtet stellte sich 2010 heraus, dass diese Rettungsgeräte ungeprüft zugelassen wurden, obwohl z. B. die gesetzlich vorgeschriebenen Testausschüsse nicht vorgenommen wurden. Auch dies scheint für die Verantwortlichen keine Konsequenzen gehabt zu haben.

Insbesondere in einem von mir betreuten Fall ist auf einem Polizeifoto, das den Fallschirm eines bei einem Unfall ausgelösten Rettungsgeräts zeigt, deutlich zu erkennen, dass sich die Tragleinen nach dem Ausschuss verknotet haben. Das System war mithin funktionslos, da der Schirm nicht hätte aufgehen können. Erstaunlicherweise erwähnt die BFU diesen Befund mit keinem Wort.

Dieses Wochenende stürzte bei Gerolstein ein motorisierter Drachenflieger in den Tod, nachdem der Fallschirm des Rettungsgeräts zunächst aufgegangen war, dann jedoch vom Luftsportgerät abriss. Realistische Tests dieser Systeme werden nach meiner Kenntnis nicht durchgeführt. Sofern überhaupt Testausschüsse vorgenommen werden, geschehen solche nach meinen Erkenntnissen nie in der Luft, insbesondere gibt es keine Crash-Tests.

Wie eng die Flugverbände, die Verantwortlichen und die BFU in Braunschweig verflochten sind, lässt sich an der Tatsache ermessen, dass die BFU erstaunlicherweise darauf verzichtet, bei Flugunfällen die Leermasse der verunfallten Luftsportgeräte anzugeben. Auch in anderer Hinsicht hege ich große Zweifel daran, dass die BFU ihre Arbeit dem gesetzlichen Auftrag entsprechend ausführt.

Ich bitte freundlich

um Stellungnahme, inwiefern Ihnen diese angesprochenen Missstände bekannt sind und was Sie dagegen zu unternehmen gedenken.

Ich beabsichtige, dieses Anschreiben und ggf. Ihre Antwort zu veröffentlichen.

Ich bitte um kurzfristige Nachricht, ob und wann ich mit einer Antwort rechnen kann.

Mit freundlichen Grüßen

(Kompa)

Rechtsanwalt

[Kommentar: Bislang keine Antwort.]

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